Hissen der Regenbogenflagge vor dem Lübecker Rathaus

Hissen der Regenbogenflagge am 15. August 2016 mit Christian Till, Vorsitzender Lübecker CSD, Thorsten Drews und auf dem Foto zu sehen Heiko Berndt, Gabriele Hiller-Ohm und Rolf Klinkel, 2. Stadtpräsident

16.08.2016Es gehört schon zur Tradition in Lübeck: das Aufziehen der Regenbogenflagge zum Start der Christopher-Street-Woche. In diesem Jahr steht der Lübeck Pride unter dem Motto „Akzeptanz sticht Toleranz“. Mehr als 200 Zuschauer waren beim Auftakt dabei, über 1500 werden zum Umzug am 20. August erwartet.

Lesen Sie hier mein Grußwort für den CSD 2016 in Lübeck:

Sehr geehrter Herr Till,

liebe LGBTI-Community,

liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Lübeck Pride

Christopher-Street-Day 2016,

wir hissen heute die Regenbogenfahnen zur Lübeck Pride unter dem gemeinsamen Motto „Akzeptanz sticht Toleranz“.

Viele CSDs stehen in diesem Jahr unter dem Einfluss des Massakers von Orlando, bei dem in einem Nachtclub 49 Menschen – vor allem aus der LGBTI-Gemeinde umgebracht wurden.

Durch das brutale Massaker ist uns wieder ins Bewusstsein gekommen, wie wenig selbstverständlich es nach wie vor ist, dass es Orte gibt, an denen LGBTI-Menschen so leben können, wie sie sind.

In Russland gilt seit 2013 ein Gesetz, das jegliche positiven Äußerungen über Homosexualität in Anwesenheit von Minderjährigen oder über Medien wie das Internet unter Strafe stellt. Der russische Staat erkennt keine gleichgeschlechtlichen Partnerschaften an und verbietet Adoptionen durch gleichgeschlechtliche Paare.

In der Türkei lässt Präsident Erdogan es zu, dass Schwule, Lesben und Transmenschen auf offener Straße angegriffen werden. Und in absehbarer Zeit müssen wir damit rechnen, dass das Leben für LGBTI-Menschen in der Türkei immer schwieriger werden wird.

Und wie sieht es in Deutschland aus? Wir müssen uns der Herausforderung stellen, dass die AfD vermutlich in weitere Landesparlamente einzieht und – wie es momentan aussieht – auch im nächsten Jahr in den Bundestag.

Seit die AfD besteht, hat sie kaum eine Gelegenheit ausgelassen, homosexuelle Lebensweisen zu diskreditieren und das wird wohl auch so weiter gehen.

Ein Grund mehr, endlich in Deutschland für klare Verhältnisse zu sorgen und die Voraussetzungen zu schaffen, in der jeder Mensch akzeptiert und respektiert wird.

Wir wollen eine Gesellschaft, in der jede und jeder frei von Gewalt und Diskriminierung selbstbestimmt und gleichberechtigt leben, lieben, heiraten und Kinder adoptieren darf. Und in der es auch Entschädigung für erlittenes Unrecht geben muss.

Sie alle wissen, dass ich hiermit Entschädigungsleistungen für die nach Paragraph 175 verurteilten schwulen Männer meine. Diese Forderung nach Entschädigungen besteht seit 1994 – also seit 22 Jahren.

Es ist leider wahr, dass wir im letzten Jahr im Bundestag noch kein sichtbares Ergebnis erzielen konnten. Aber Bundesjustizminister Heiko Maas – das kann ich Ihnen wirklich versichern – kämpft weiter für ein entsprechendes Gesetz und wird dies durchsetzen! Da bin ich sehr zuversichtlich!

Auch gibt es in der Union immer noch eine Mehrheit, die die Öffnung der Ehe und gleiche Adoptionsrechte ablehnt. Andere Länder in Europa, wie Holland, Belgien, Spanien, Norwegen, Schweden, Portugal, Island, Finnland, Dänemark, Irland, Frankreich, Großbritannien und Luxemburg haben die Öffnung der Ehe. Auch Länder in Südamerika, wie Argentinien, Brasilien, Uruguay und Kolumbien oder Länder in Nordamerika, wie Mexiko, die USA, Kanada und Grönland. Oder Neuseeland und Südafrika sind da wesentlich weiter. Dort können Schwule und Lesben ohne Wenn und Aber heiraten. – Bei uns leider noch nicht.

Ich bin zuversichtlich, dass sich Deutschland auf Dauer der Öffnung der Ehe nicht verschließen kann, auch wenn die Kanzlerin damit Bauchschmerzen hat. Dafür werde ich mich gemeinsam mit meinen Kolleginnen und Kollegen von der SPD-Bundestagsfraktion einsetzen.

Denn der Kampf gegen Diskriminierung und für gleiche Rechte ist kein Nischenthema. Wer andere wegen ihrer Religion, ihrer Hautfarbe oder ihrer Homosexualität ausgrenzt oder gar bedroht, der greift die gesamte Gesellschaft an und stellt sich gegen die Errungenschaften unserer Demokratie.

Ich erinnere in diesem Zusammenhang auch an jene vielen Menschen, die sich in der Vergangenheit und heute noch in anderen Ländern für Gleichstellung und Respekt engagieren und in Zukunft engagieren müssen. Sie müssen dabei leider in Kauf nehmen, ausgegrenzt, verfolgt oder gar inhaftiert zu werden.

Ihnen gilt unsere Solidarität.

Wir müssen Haltung zeigen und uns für eine demokratische Kultur stark machen: Das ist es, was wir tun können. Und wir können jenen populistischen Kräften entschlossen entgegentreten, die heute mit platten Parolen Hass und Vorurteile schüren.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen einen kämpferischen CSD 2016!