Lindenau entscheidet Duell gegen Wagner für sich

11.02.2017 |

Das ist die Krönung einer langen Parteikarriere: SPD geht mit ihrem Fraktionschef ins Rennen um das Bürgermeisteramt.

Lübeck. Sonnabend, 11.07 Uhr im großen Saal der Media Docks: Viele Delegierte hält es nicht mehr auf ihren Sitzen, sie erheben sich zu stehenden Ovationen für Jan Lindenau. 22 Minuten lang hat er sich den 96 Delegierten der Wahlkreiskonferenz präsentiert – als ein Macher, der die Sorgen der Bürger kennt, die Mühen der kommunalpolitischen Ebene nicht scheut und der genau weiß, wie man die sozialdemokratische Seele streichelt.

Der 37-Jährige, locker gewandet in Jacket, Jeans und ohne Krawatte, erhält viel Applaus für seine Forderung, keine städtischen Altenheime zu schließen. Neue Bauvorhaben werde es mit ihm als Bürgermeister nur geben, wenn mindestens 30 Prozent der Wohnungen für bedürftige Bürger sind. Seit 25 Jahren ist der Vater eines sechsjährigen Sohnes politisch aktiv. 1992 schickte seine Lehrerin ihn in eine Flüchtlingsunterkunft, um mit den dort untergebrachten Kindern zu spielen. 1994 organisierte der junge Lindenau eine Schüler-Demo, weil die Synagoge brannte. Seitdem hat er zahlreiche Ämter und Mandate bekleidet. Als Bürgermeister wolle er das Leben für die Lübecker jeden Tag ein bisschen besser machen, die Verwaltung modernisieren, die Stadt in den Top 5 der wirtschaftlich erfolgreichsten Städte platzieren.

Dann redet Konstanze Wagner, schwarzes Kleid und langer, roter Schal. Sie, die schon mit 19 Jahren Bürgermeisterin von Lübeck werden wollte, hat sich erst im Dezember für die Kandidatur entschieden. „Genau heute vor einem Jahr kam ich von Mannheim zurück nach Lübeck, mit zwei kleinen Kindern, Koffern und Rucksack“, erzählt die 36-Jährige. „Ich bin erstmal am Holstentor vorbeigefahren und mir ist das Herz aufgegangen.“ Mit intimen Kenntnissen der Stadtverwaltung und der Kommunalpolitik kann Wagner nicht punkten. Aber sie bringt Erfahrungen aus anderen Städten und Landesbehörden mit. „Ich muss als Bürgermeisterin nicht die beste Stadt planerin oder Busfahrerin sein, ich muss die Besten finden“, erklärt sie. Auch Wagner kritisiert soziale Ungerechtigkeiten: „Wenn 38 000 Lübecker von Sozialleistungen leben, kann ich als Bürgermeisterin nicht entspannt im Büro sitzen.“ Nach 18 Minuten ist Schluss, die Aussprache startet. 15 Delegierte ergreifen das Wort.

„Sie kann es“, schwärmt Cornelia Oestreich von den sozialdemokratischen Frauen für Wagner. „Kooperativer Führungsstil und der weibliche Charme“ würden Wagner auszeichnen, berichtet Marek Lengen. „Lindenau ist ein Mann der Tat“, hält Ulrike Siebdrat dagegen. Jahrelange Kärrnerarbeit in der Partei – vom Plakate-Kleben bis zum Laminat-Verlegen im Parteibüro – dürften nicht ignoriert werden, fordert Pito Bernet. Er kennt Lindenau seit 18 Jahren: „Jan ist kein Bergarbeiter, kein Buchhändler, sondern ein Banker – und so sieht er auch aus.“ Lindenau habe die Kandidatur verdient, sagt Birte Duggen, „er ist fachlich eindeutig der bessere Kandidat.“ Die Bürger hätten den Wunsch nach neuen Gesichtern, hält Nils Düster dagegen. „Mit Wagner haben wir bessere Chancen, gegen Kathrin Weiher zu gewinnen“, behauptet Gabriele Hiller-Ohm. „Jan Lindenau ist ein Juwel wie Martin Schulz“, kontert Andreas Sankewitz. Wie Schulz habe auch Lindenau kein Abitur, merkt ein anderer Delegierter an. Das stimme, bestätigt Lindenau auf LN-Anfrage: „Real schulabschluss, aber mit einem besseren Schnitt als Schulz.“

Eine Stunde wogt die Debatte hin und her. Am Ende stimmen die Delegierten ab. Um kurz vor 13 Uhr steht fest: Lindenau ist der Bürgermeisterkandidat der SPD, gewinnt mit 13 Stimmen Vorsprung. „Ich habe ein knapperes Ergebnis erwartet“, sagt er. Wagner erklärt, sie sei nicht enttäuscht. Verloren habe sie wohl, „weil es in der Partei einen Loyalitätskonflikt gab“. Heißt: Einen so verdienten Mann wie Lindenau wollten die Delegierten nicht im Regen stehen lassen. Wagner konzentriert sich jetzt auf ihren Beruf in Hamburg, zur nächsten Kommunalwahl tritt sie nicht an.
Lindenau muss sich jetzt auf die Gegenspielerin Kathrin Weiher (parteilos) vorbereiten. Da gab es schon eine schmerzhafte Erfahrung: Ende November 2014 verlor er den Kampf um den Posten des Kulturdezernenten mit einer Stimme gegen Weiher. Damals wählte die Bürgerschaft. Im November, wenn es um den Chefsessel im Rathaus geht, wählen die Bürger.

Von Kai Dordowsky

Quelle: Lübecker Nachrichten